So, 21.09.2014

Ein Besuch bei Werner Mang in Lindau

Wer hässlich ist, muss leiden

von Eva-Maria Manz

Lindau/Ulm - Sie findet sich hässlich. Katharina Meier* aus Ulm ist ein 16-jähriges, schüchternes Mädchen, das sich nichts so sehr wünscht, wie von einem Jungen an der Bushaltestelle geküsst zu werden. Stattdessen steht sie morgens lange vor dem Spiegel, zieht sich die strubbligen Haare weit in die Stirn, schminkt die Augen schwarz. Doch es hilft alles nichts: die Nase kann sie nicht verstecken. Die sitzt mitten im Gesicht. Und sie ist groß, lang und krumm.

„Hexe!“, rufen manche Jungs in ihrer Klasse. „Höcker-Langnase“ ist das Wort, das Werner Mang für den Fall Katharina Meier wählt, als die zum ersten Mal in seiner Praxis am Bodensee sitzt.

Das war vor fünf Jahren, und damals lag bereits eine lange Leidenszeit hinter Katharina. Die Spitznamen aus der Schule hat das Mädchen längst verdrängt, sie einfach aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Denn für ihr großes Problem gab es eine Lösung: eine kleine Nase. Die ist kerzengerade und unauffällig. Katharina hat sie von Professor Doktor Mang bekommen und betrachtet sie als Geschenk. Aber ihre neue Nase hat es nicht gratis gegeben, 8000 Euro kostete die Operation in der Bodenseeklinik in Lindau.

Die Eltern konnten so viel Geld damals nur mit Mühe zusammenkratzen. Doch sie waren entschlossen zu helfen, denn sie hatten am eigenen Leib erfahren, was es heißt, mit einer großen Nase geboren zu sein. Katharinas Mutter ließ sich ihre bereits mit 20 Jahren operieren. Der Vater steht zu seinem Hakenzinken. Als Mann sei das nicht so schlimm, findet er.

Die große Koalition plant ein Verbot

Als die Tochter 16 ist, spürt er instinktiv, dass ihre Sorgen nicht mit denen eines normalen Teenagers vergleichbar sind. Jede Jugendliche fühlt sich manchmal unattraktiv, das weiß der Vater. Doch Katharina ist zutiefst verunsichert, bis zur Verstörung verschüchtert, traut sich nicht aus sich heraus. Dann kommt auch noch die Scheidung der Eltern. Eine neue Nase als Entschädigung? Nein, so einfach sei das natürlich nicht. Es habe so viele Gründe gegeben, sich für die Operation zu entscheiden, sagt der Vater.

Geht es nach den Gesundheitsexperten der großen Koalition in Berlin, werden Operationen wie die von Katharina Meier bald nicht mehr möglich sein. Schönheitseingriffe ohne medizinische Ursache soll es für Minderjährige nicht mehr geben. Damit wollen die Politiker verhindern, dass die Kinder reicher Eltern zum Geburtstag eine Brustvergrößerung geschenkt bekommen.

Werner Mang ist bekannt als der Arzt der Schönen und Reichen. Trotzdem versichert er: „Solche Eltern kenne ich nicht.“ Das Ansinnen der schwarz-roten Koalition hält Werner Mang für übertriebene Regelungswut. Das sei „eine Entmündigung der Eltern“, die in den meisten Fällen die allergrößten Bedenken hätte, wenn es um das Wohl ihrer Kinder gehe, sagt er.

Eine neue Nase

Mang sagt, im Jahr kämen nur etwa 20 Minderjährige zu Beratungsgesprächen in seine Klinik – 20 von insgesamt rund 2000 Patienten. Meist nehme er nur ein Drittel davon überhaupt an. In diesen Fällen gehe es um das Anlegen von abstehenden Ohren oder um eine Brustverkleinerung, wenn Mädchen eine so große Oberweite hätten, dass sie keinen Sport treiben könnten. Oder eben um die Korrektur von Nasen.

Nachdem der Entschluss gefasst ist, geht bei Katharina Meier im Dezember 2008 alles ganz schnell: ein Besprechungstermin bei Professor Werner Mang, der erkennt das Problem, verspricht Katharina, dass er ihr helfen kann, gibt ihr einen Kostenvoranschlag mit nach Hause.

Seit 25 Jahren hat Werner Mang seine Bodenseeklinik in Lindau, seit Jahrzehnten perfektioniert er seine Modellierkünste am diffizilsten Objekt: der Nase. Zwei Nasen am Tag müssen es schon sein, damit es dem Chirurgen gutgeht. An Rente denkt er mit 64 Jahren nicht. Um beim Nasen-Modellieren nicht aus der Übung zu kommen, geht Mang fast nie in den Urlaub. Schon zwei Wochen Auszeit seien nicht gut.

Der Arzt aus dem Fernsehen

Solch einen erfahrenen Chirurgen wollten die Meiers für ihre Tochter Katharina. Die Mutter sieht den bekannten Arzt im Fernsehen. Er sei ein renommierter Nasenexperte, hieß es. „Wenn schon, denn schon“, sagt der Vater.

Drei Monate nach dem ersten Gespräch fährt Katharina Meier von Ulm nach Lindau, eine weitere Untersuchung folgt, ein Gespräch mit dem Anästhesisten, die letzte Nacht mit der alten Nase. Am frühen Morgen dann die Narkose. Das Mädchen liegt kurze Zeit später auf Mangs OP-Tisch. Im Hintergrund hat er den Bodensee im Blick. Nur eine Glasfront trennt den Operationssaal von der Uferpromenade und dem flachen, vor Lindau bis zum Horizont gestreckten Gewässer.

In den Nasenlöchern von Katharina macht Mang zwei kleine Schnitte , hebt die Haut an, um an den Knorpeln arbeiten zu können. Den Flügelknorpel verschmälert er, damit sich die Nasenspitze anhebt, dann wird begradigt, die Nasenbeine meißelt Doktor Mang durch, um am Ende seine eigene Version von einer schönen Nase mit geübten Fingern zu modellieren. Das zu lernen sei schwer, denn der Arzt sehe kaum, was er da mache.

Nach etwa einer Stunde ist Mang fertig. Katharina wacht mit großem Gips und großem Schmerz im Gesicht auf. Acht Tage lang weiß sie nicht, wie ihre neue Nase geworden ist. Erst dann kommt der Gips ab. Die neue Nase schaut sehr gut aus. Weitere acht Tage muss ein kleinerer Verband drauf. Dann geht es zurück nach Ulm und in die Schule. Ein Neuanfang.

Wann ist eine Operation sinnvoll?

„Ich weiß nicht, wie mein Leben verlaufen wäre mit der alten Nase“, sagt Katharina heute. Jetzt arbeitet sie als Verkäuferin in einem Zoogeschäft. Dort muss Katharina offen und unverklemmt sein, die Kunden ansprechen. Das falle ihr nicht mehr schwer, sagt sie.

Kurz nach ihrer Nasenoperation steht damals der 17. Geburtstag an. „Lass uns eine Party feiern“, sagt Katharina zu ihrem Vater. So etwas hätte sie sich früher nie getraut, denkt der. Auch mit den Jungs klappt es plötzlich, Katharina lernt ihren Freund kennen, mit dem sie vier Jahre lang zusammenbleibt. Sie fühlt sich stark.

Werner Mang glaubt, dass er Katharina geholfen hat, ihr Leben ein gutes Stück besser zu machen. Sie gibt ihm recht. Und die Eltern? „Nach der OP ist Katharina aufgelebt, hat in vollen Zügen gelebt, wie es sich gehört in dem Alter“, erzählt der Vater. Die Freunde der Eltern haben ihm zugestimmt, denn ein Kind müsse zufrieden sein mit sich selber. Das sei die Voraussetzung für alles andere.

Die Politiker von CDU/CSU und SPD betonen in diesen Wochen, mit einem Verbot von Schönheitsoperationen bei Minderjährigen wolle man Jugendschutz leisten, nämlich die Heranwachsenden vor den Folgen eines falschen Schönheitswahns bewahren. Jung, schön, sexy – darum könne es doch nicht immer gehen.

Nachuntersuchung in Lindau

Nur zum Spaß größere Brüste bei einer 16-Jährigen, das würden seriöse Mediziner ohnehin ablehnen, versichert Werner Mang. In jedem Fall sei es ratsam, mit Eltern und Psychologen abzuklären, ob eine Operation sinnvoll und nötig sein könnte.

Wenn es um die Schönheit gehe, dann herrsche oftmals eine Doppelmoral, meint Werner Mang. Lehrer und Psychologen würden den Jugendlichen oft predigen, es gehe allein um innere Schönheit: Wer nicht zu sich selbst stehe, kein Vertrauen in sich habe, der könne auch nichts mit einer anderen Nase, prallen Brüsten oder einem schlankeren Bauch gewinnen. Und dann seien die Schulferien in der Bodenseeklinik plötzlich ausgebucht mit Lehrern.

Auch Wolfgang Gubisch, Ärztlicher Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie am Stuttgarter Marienhospital, lehnt ein generelles Verbot von Schönheitsoperationen bei Minderjährigen ab. Zu oft habe er erlebt, dass ein ­Jugendlicher wegen eines äußerlichen Makels sogar versucht habe, sich umzubringen. Allerdings glaubt Wolfgang Gubisch, dass manchmal vorschnell operiert werde – auch weil solche Eingriffe für Ärzte lukrativ seien. „Der Begriff Schönheitsoperation gaukelt vor, dass die Schönheit wie in einem Kosmetikladen gekauft werden könnte“, sagt er. „Chirurgie heißt aber, dass jeder Eingriff unwiderrufbar ist und deshalb sehr wohl überlegt sein will, zumal jede Operation Risiken birgt.“

Dezember 2013. Die Patientin Katharina Meier ist zu einer Nachuntersuchung bei Werner Mang in Lindau. Vor der Bodenseeklinik liegt ein hübscher Park, am Seeufer flanieren Spaziergänger in der winterlichen Frische. Vielleicht ist Werner Mang hier weit und breit der Einzige, den nicht Werner Mang, sondern Gott allein geschaffen hat. Er habe sich selbst nie unters Messer gelegt, dafür habe er zu viel Angst, sei ein Hypochonder, sagt der Klinikchef. Eines kann Werner Mang eben nicht: Werner Mang operieren.



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