Fr, 01.08.2014

Filmkritik „La grande Bellezza“

Das süße, eitle, hohle Leben

von Rupert Koppold

Stuttgart - Wie die Kamera elegant über prächtige Plätze gleitet, wie das goldene Licht sich auf das Pflaster ergießt, wie weiße Marmorbüsten glänzen und in runden Brunnen grünes Wasser glitzert: so viel Schönheit ist kaum auszuhalten, und tatsächlich streicht sich jetzt, nach einem Blick auf die Hügel der Stadt, ein japanischer Tourist über die Stirn und sackt zusammen. Rom sehen und sterben. So hat der Regisseur Paolo Sorrentino in seinem morbiden Meisterwerk „La grande Bellezza“ gleich zu Beginn ein Thema gesetzt, das sich nun in Variationen durch den ganzen Film ziehen wird.

Aber noch pulsiert das Leben bei einer Party, die der Kulturjournalist Jep Gambardella (exzellent: Toni Servillo) zu seinem 65. Geburtstag veranstaltet. Über den Dächern der Stadt, unter einer riesigen „Martini“-Reklame und zu wummernden Dancefloor-Klängen feiert sich hier die Society selbst, stürzt sich hinein ins rauschhafte Leben, führt teure Kleider, Schmuck und Bronzehaut vor – und wirft mit Banalitäten um sich.

Ein spöttischer Chronist

Auch der Gastgeber amüsiert sich, aber vielleicht noch mehr über dieses tolle Treiben denn als Teil desselben. Das ist sein Fest, ja, aber selbst wenn er im Mittelpunkt steht, wirkt er so, als betrachte er das alles von außen, als gehöre er nicht wirklich zu dieser Gesellschaft, sondern sei nur deren spöttischer Beobachter und Chronist.

Dieser Jep Gambardella ist ein Nachfahre jenes von Marcello Mastroianni gespielten Journalisten, der sich vor mehr als fünfzig Jahren in „La dolce vita“ von den Reichen, Mächtigen und Schönen einlullen ließ, sich nachts auf der Via Veneto herumtrieb, Anita Ekberg in den Fontana di Trevi nachstieg, bei Partys dabei war, aus denen Orgien wurden, und am Ende sehnsüchtig über einen Graben hinweg auf ein Mädchen schaute, das für ihn das reine und gute Leben verkörperte.

Fellini und ein neuer Ton

„La grande Bellezza“ bekennt sich offen zur Fellini-Hommage, die sich auch noch auf „Roma“ und „Achteinhalb“ bezieht, bringt gleichzeitig aber noch einen neuen Ton rein. Auch hier taucht, so als fordere es zum anderen Leben auf, ein Mädchengesicht auf, aber schon zu Beginn, und es verschwindet auch gleich wieder. Später rennt ein anderes Mädchen, von den Eltern für eine Kunstperformance missbraucht, voller Wut gegen eine Leinwand.

Für Utopien ist es jetzt auch zu spät. Bei Mastroianni war damals die existenzielle Verzweiflung eines Mannes in mittleren Jahren zu spüren, für den Einsicht und Umkehr noch denkbar schienen. Toni Servillo als Jep dagegen zelebriert die Melancholie eines saturierten Herrn, der vor vierzig Jahren einen Roman geschrieben und danach sein Talent zum Schlummern gelegt hat. Auf seiner Terrasse versammelt er nun die in die Jahre gekommene Kulturschickeria, lächelt fein oder beleidigt eine Frau, die mal eine Geschichte der KP geschrieben hat und sich auch jetzt noch ein Anliegen attestiert.

So kaputt wie alle

„Du bist genauso kaputt wie wir alle“, resümiert Jep am Ende seiner sarkastischen Ausführungen. Tagsüber lümmelt er sommersatt in seiner Hängematte und schaut auf das gegenüber liegende Kolosseum. Man könnte fast sagen: er verfehlt sein Leben auf glamouröse Art und bei vollem Bewusstsein.

Dann erfährt Jep, dass die Frau, mit der er seine erste große Liebe erlebte, gestorben ist. Die Nachricht rüttelt ihn heraus aus seiner routinierten Bohemien-Existenz und macht ihm klar, dass da nicht mehr viel ist an Zeit, die ihm noch bleibt. „La grande Bellezza“ aber entwickelt zu dieser Erkenntnis keine dramatische Story, sondern flaniert weiter mit seinem gut gekleideten Helden herum, erkundet mit ihm die großartige Bühne Rom, auf der sich ein Reigen römischer und auch fellinesker Figuren aufführt: ein Kardinal, der in weihevollem Ton Kochrezepte vorträgt; ein verarmtes Adelspaar, das sich für die Feste der Reichen mieten lässt; eine Frau mit steinaltem Gesicht, die an Mutter Teresa erinnert und sich selbst kasteit; und eine patente Stripperin, die sich Jep anschließt.

Botox und der Tod

Wenn der Regisseur in einem Prunksaal eine Botox-Verabreichung inszeniert wie eine Messe, wird sein Film auch zur Satire. So eindeutig aber gibt er sich selten, er kostet lieber schillernde Ambivalenzen aus, ist so wie Jep von dieser Show des dekadenten Lebens angewidert und fasziniert zugleich. An den Rändern des Geschehens aber hört – respektive überhört! – der Held immer wieder Mahnungen: „Du bist niemand“, flüstert eine Mädchenstimme in einer Kirche.

„Und wer heilt dich?“, fragt eine Frau vor dem Klo einer Bar. Und auch Jep selber zweifelt nun ein wenig an seinem Da- und Sosein, empfindet seine Stadt- und Society-Exkursionen wohl auch als einen Gang durch lauter Memento-mori-Erfahrungen.

Die große Leere

Ja, es ist alles eitel. Aber es ist eben auch verführerisch schön. Auch Jep ist letztlich ein Selbstdarsteller, der seine Einsichten verrät und verkauft. Bei der Beerdigung eines jungen Bekannten, der sich umgebracht hat, tritt er auf als großer Trauernder und flüstert der Mutter des Toten – so laut, dass es jeder hören kann – ins Ohr: „In den nächsten Tagen, wenn die große Leere kommt, kannst du immer auf mich zählen!“

Ihn selber hat die große Leere längst verschluckt. Auch wenn er manchmal auf Distanz aus ist, strudelt er doch in einer um sich selber kreisenden Gesellschaft mit und nimmt gar nicht mehr wahr, was um ihn herum passiert. Der ruhige, geschäftige Nachbar zum Beispiel hat anders gelebt: Er wird nun von der Polizei abgeholt, er war ein Mafioso. Aber wer will schon so genau hinschauen in dieser ewigen Stadt, in der sich auf Jeps Balkon nun die Flamingos niederlassen. Was für ein wunderbares Bild!



Weitere Artikel